Aktuelle Herausforderungen bei Preisgestaltung und Absicherung im Energievertrieb

A. Schwenzer

 

Auch wenn sich das Preisniveau an den Großhandelsmärkten wieder deutlich reduziert hat, bleibt die Energiepreiskrise für Energieversorger ein beherrschendes Thema. Dies gilt insbesondere auf der Vertriebsseite, auf der die gefallenen Preisen in vielen Fällen einem schon realisierten, höherem Beschaffungspreis entgegenstehen. Bereits in unserem „Advyce & Perlitz Impulsletter“ vom Dezember 2022 betrachteten wir die Auswirkungen steigender Gas- und Strompreise auf Kunden und Wettbewerber. Zum Start der Strom- und Gaspreisbremse stellt das gesunkene Preisniveau nun viele Vertriebe vor Herausforderungen beim Thema Preisgestaltung und Absicherung.

 

Marktumfeld mit Großhandelspreisen sinkender Tendenz

Im Spätsommer 2022 erreichen Großhandelspreise für Strom und Gas ihren Höhepunkt. Seitdem sind die Preise weiter volatil, jedoch mit deutlichem fallendem Trend (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1:Kursverlauf EEX Strom Baseload

Um eine längerfristige Absicherungsstrategie mit einer kurzfristigen Beschaffung und Endkundenpreiskalkulation zu vergleichen, ist die Differenz zwischen dem aktuellen Preisniveau und dem längerfristigen Trend entscheidend. Wie in der Abbildung ersichtlich, lagen die aktuellen Preise bis zum Beginn des Jahres 2023 über den 200-Tagen-Durchschnittspreisen des Frontjahres und sind seitdem deutlich daruntergefallen.

 

Der Wettbewerb reagiert auf das gefallene Preisniveau

Ein aktueller Vergleich der Arbeitspreise der Grundversorger mit alternativen Wettbewerbsangeboten von Mitte Februar zeigt, dass die Wettbewerbspreise in allen Fällen mittlerweile deutlich unter den Grundversorgungstarifen liegen. Wie in Abbildung 2 dargestellt, liegen die Wettbewerbspreise in den meisten Fällen im Strom- und Gasbereich deutlich unter den Grenzwerten der Energiepreisbremsen.

 

 

Abbildung 2: Preisvergleich von Strom und Gas verschiedener Standort [ct/kWh]
(Quelle: check24.de; Stand d. Preise: 09.03.23)

 

Risikominimierendes Handeln bei Preisbildung und Absicherung

Das Marktumfeld lässt sich grundsätzlich durch die folgenden drei Faktoren charakterisieren:

  • Volatile Großhandelspreise
  • Hohes Preisniveau mit sinkender Tendenz
  • Auswirkungen staatlicher Instrumente zur Preisdeckelung

Hieraus resultieren für sämtliche Energievertriebsportfolios Herausforderungen bei der Preisgestaltung und Absicherung. Um mit den Herausforderungen umzugehen, ist eine klare Strategie zur Minderung der entstehenden Risiken von entscheidender Bedeutung. Dies betrifft insbesondere, aber nicht ausschließlich, große Bestandsportfolios ohne langfristige Vertragslaufzeiten, wie z. B. Grundversorgungsportfolios. Hier führt die Angleichung des eigenen Preisniveaus an die Wettbewerberpreise teils zu sehr deutlichen negativen Deckungsbeiträgen, so dass eine klare Strategie zum Umgang mit den Kunden und dem Management des Kundenwertes erforderlich ist.

Grundlage bildet hierfür eine Analyse und Evaluierung der individuellen Unternehmenssituation. Dazu gehören beispielsweise neben der betriebswirtschaftlichen Bewertung aktueller Unternehmenskennzahlen auch die quantitative und qualitative Auswertung der Kundenportfolios. Somit können unter anderem Rückschlüsse zur Quote vertraglich gebundener Kunden geschlossen werden und als Prämisse zu weiteren Ableitungen der Beschaffungsstrategie berücksichtigt werden.

Kombiniert mit vordefinierten Marktszenarien zur Abschätzung von Wettbewerbs- und Kundenverhalten sind folglich Strategien zur Minimierung betriebswirtschaftlicher Risiken in Preisbildung und Beschaffung zu konkretisieren. Auf Basis dieser kann nachfolgend die aktuelle Strategie zur Beschaffung- und Preisfindung abgeglichen und im Bedarfsfall korrigiert werden. Dieser Vorgang erfordert besonders im volatilen Marktumfeld unbedingt eine regelmäßige Wiederholung, um Strategien Veränderungen anzupassen oder weiter zu bestätigen.

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