Verlagern oder Verlieren?

Der letzte Kampf um den Unternehmensstandort

Impulsletter 04 / 2023 – Dr. Steffen Schuckmann

Inflation, hohe Energiepreise, Beschaffungsprobleme sowie weiter steigende regulatorische Anforderungen machen den Unternehmen am Standort Deutschland das (Über)Leben schwer. Und es wird nicht leichter: Der aktuelle Länderindex Familienunternehmen sieht Deutschland weiter im Abstiegskampf bei relevanten Standortfaktoren wie insbesondere „Regulierung“ und „Energie“. (1) Deutschland rutscht zuletzt von Rang 14 auf Rang 18 ab. Das Gesamtbild wird als „ernüchternd“ bezeichnet und konstatiert: „Deutschland weiter verschlechtert; Abstand zur Spitzengruppe wächst“.

 

Absprung über den großen Teich

Das KfW-Mittelstandspanel aus dem Oktober 2022 sieht die Unternehmen heftig getroffen durch die Energiekrise. Ein Ende der Belastungen durch steigende Energiekosten ist noch gar nicht absehbar. Die wesentlichen Effekte werden erst nach Auslaufen der teils langfristigen Lieferverträge durchschlagen. Zudem: Der Mittelstandsanteil an allen Neuinvestitionen ist in den vergangenen 10 Jahren von 49% auf 42% gesunken. (2) Eine Erholung auf frühere Niveaus ist aufgrund der jüngsten Entwicklungen kurz- bis mittelfristig nicht zu erwarten.

Immer mehr Unternehmen machen sich folgerichtig Gedanken über eine Verlagerung ins nahe oder auch entferntere Ausland. Die USA locken seit 2022 mit ihrem Inflation Reduction Act (IRA) und lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Standortattraktivität auch – oder gerade – für europäische Unternehmen steigern wollen.

Der Grad der Entscheidungsfreiheit zu einer Verlagerung unterscheidet sich zwischen Publikumsgesellschaften – insbesondere Aktiengesellschaften – und Unternehmen in Familienbesitz erheblich:

 

Verantwortungs-Fundament bröckelt

Die Überlegungen in Familienunternehmen werden oftmals nicht durch betriebswirtschaftliche oder rechtliche Bedenken bestimmt. Vielmehr ist es so, dass Eigentümerfamilien stark in die gesellschaftlichen Kontexte ihrer Regionen eingebettet sind und ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber diesen haben. Zunehmend scheint jedoch genau dieses Fundament, das als eine Art moralische Standortgarantie verstanden werden kann, zu bröckeln. Und dies ist nur nachvollziehbar. Wenn die Frage im Raum steht, ob die erfolgreiche Arbeit von mehreren Generationen vor Ort überhaupt erhalten werden kann, so wird man zwangsläufig alle unternehmerischen Optionen diskutieren (müssen).

Dagegen kennen Publikumsgesellschaften solche Abhängigkeiten – abseits ihrer kommunikativen Verlautbarungen – nicht. Da das Management rechtlich allein dem Wohle des Unternehmens und damit seiner Eigentümer, sprich Investoren verpflichtet ist – und dies sind bei großen Unternehmen zunehmend internationale Shareholder-Gruppen – können und müssen sie solche Entscheidungen unabhängig von ihren gesellschaftlichen Kontexten treffen. Kein Wunder also, dass viele Konzerne aktuell schon viel weiter in ihren Standortüberlegungen sind als die vielen – auch zum Teil sehr großen – Familieneigenen Unternehmen. Das Delisting von Linde ist ein Fingerzeig in genau diese Richtung.

 

Zuhause ist es doch am…

Dennoch ist es mitnichten so, dass es zu breiten Verlagerungsinitiativen keine Alternativen gäbe. Es gibt gute Gründe mit aller Anstrengung für den Erhalt des heimischen Standortes zu kämpfen.

Ein Erfolgsfaktor ist eine umfassende Neuausrichtung der eigenen sowie der angrenzenden Wertschöpfungsketten. Dies umfasst unter anderem auch eine klare Nachhaltigkeitsstrategie und damit verbundene und notwendige Geschäftsmodellinnovationen.

Weiterhin gilt es Prozesse durchgängig und mit letzter Konsequenz effizient auszurichten. Wobei nunmehr eine kompromisslose Digitalisierung die entscheidende Rolle spielen wird. Der Sales, die Verwaltung und weitere Unterstützungsprozesse müssen schnell und weitestgehend digital ausgerichtet oder alternativ extern platziert werden. Viele Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren zu stark „geschont“ – und nun läuft die Zeit davon.

Es ist an der Zeit, richtungsweisende Entscheidungen zu treffen, deren Tragweite größer ist als alles Vorherige in den vergangenen 20 Jahren. Voraussetzung dafür ist aber eine starke Entscheidungskompetenz der Unternehmer und Unternehmenslenker.

Die hierfür erforderliche Entscheidungsgrundlage bereitzustellen und zu bewerten, ist zurzeit die vordringlichste Aufgabe, um den Weg in eine stabile Zukunft abzusichern.

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(1) Stiftung Familienunternehmen, 2023. chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://www.familienunternehmen.de/media/public/pdf/publikationen-studien/studien/Laenderindex-2022_Studie_Stiftung-Familienunternehmen.pdf
(2) KfW, 2022. chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-Mittelstandspanel/Pr%C3%A4sentation-KfW-Mittelstandspanel-2022.pdf

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